old industrial buildings in the german ruhr area

Es geht mir nicht nur darum, klimaneutral zu leben, sondern umweltneutral.

Ökobilanz

Was ist die Ökobilanz eines Menschen?

Als ich diese Frage zum ersten Mal stellte, gab es darauf noch keine Antwort. Die Ökobilanz eines Menschen war noch nie seriös ermittelt worden. Also bat ich Forscher und Experten, nämlich die Technische Universität Berlin, den Naturschutzbund Deutschland (NABU) und den WWF, um Hilfe. Gemeinsam entwickelten wir wissenschaftliche Kriterien, Berechnungsmodelle und Messmethoden.

In den nachfolgenden Monaten sammelte ich minutiös Daten – über alles, was ich je besessen und konsumiert hatte, sowie über meinen Lebensstil. In dieser Zeit schaute ich wie durch Exceltabellen auf meine Welt – und meine Frau mit einem großen Fragezeichen auf mich.

Mehr zur Datenerfassung finden Sie weiter unten. Vorab aber sei zur Beruhigung der Leserschaft betont: Wer lediglich nachhaltiger leben möchte, braucht so viel Mühe nicht zu treiben (was die Nerven der ganzen Familie erheblich schonen kann).

Doch zurück zur Frage: Was die Ökobilanz eines Menschen ist, erklärt sich wohl einfacher, wenn wir zunächst betrachten, was eine Ökobilanz ist.

Die Ökobilanz in der Technik

Das Prinzip der Ökobilanz eines Menschen lehnt sich an die Ökobilanz von technischen Produkten an, und die ist mittlerweile detailliert beschrieben. Sie geht weit über die bekannte CO2- bzw. Klimabilanz hinaus und erfasst den gesamten Verbrauch an Ressourcen wie Wasser und Bodenschätze sowie deren Produktions- und Transportaufwand bis hin zur Entsorgung. Auch die Emissionen und Abfälle werden vollständig berücksichtig (z.B. auch der Reifenabrieb beim Autofahren und die Giftstoffe bei der Produktion von Kleidung).

Beispiele für erfasste Bereiche und Wirkungen

GewässerMikroplastik durch synthetische Kleidung / giftige Substanzen aus der Produktion von Spielzeug oder Sportartikeln / Nitratbelastungen aus der Landwirtschaft
BodenVersauerung durch Abgase / Bodenverlust durch Industrie und Deponien / Überdüngung
Pflanzen
& Tiere
Artenverlust durch Landwirtschaft und Waldwirtschaft / Verschmutzung der Meere durch toxische Abwässer und Mikroplastik
LuftFeinstaub, Ruß oder Mikroplastik
Klima (CO2)bei der Produktion, Nutzung und Entsorgung von Autos, Elektronik und Lampen

Professor Dr. Matthias Finkbeiner von der TU Berlin ist wohl mein wichtigster Partner für Fragen der Methodik und Bilanzierung.

Verlagerungseffekte durch einseitigen Fokus

Ökologische Verbesserungen in einem Bereich können Verschlechterungen in einem anderen Bereich nach sich ziehen. Das nennt man „Verlagerungseffekt“. Da Ökobilanzen das gesamte Spektrum ökologischer Wirkungen betrachten, können sie Verlagerungseffekte sichtbar machen und so vor einseitigen Strategien und Maßnahmen schützen.

Ein Beispiel für Verlagerungseffekte: Im Vergleich zu Benzin ist Bio-Ethanol ein CO2-emissionsärmerer Kraftstoff, denn er wird vorwiegend aus Pflanzen hergestellt und stammt damit aus regenerativen Quellen. Dafür aber verbraucht die Herstellung von Bio-Ethanol etwa die 20fache Menge an Wasser, was in manchen Regionen dieser Welt schwerer wiegen dürfte.

Zwei weitere Beispiele dafür, wie Verbesserungen in einem Bereich Verschlechterungen in einem anderen Bereich nach sich ziehen können:

  • Kläranlage: verringert Wasserschadstoffe => vermehrt Abfall und Energieverbrauch
  • Katalysator: verringert Luftschadstoffe => erhöht den CO2-Ausstoß und verbraucht seltene Erden

Maßnahmen, die dem Schutz der Umwelt dienen sollen, müssen daher in allen Bereichen (sog. „Wirkungskategorien“) gleichzeitig, also ganzheitlich betrachtet werden.

Die Ökobilanz eines Menschen

Die Ökobilanz eines Menschen ist nun etwas komplexer als die eines technischen Produktes, denn ein Mensch nutzt tausende von Dingen: Wohnungen und Häuser, Autos, Nahrungsmittel, Kleidung und zahllose Konsumartikel. Alles davon hat eine eigene Ökobilanz.

Stark vereinfacht könnte man dabei sagen: Ökobilanz = Ressourcenverbrauch + Emissionen

meine Ökobilanz

Meine bisherige Ökobilanz war sehr „üppig“. Kein Wunder, ich bin viel gereist und habe viel gekauft. Ich war sozusagen ein Vorbild einer Konsumgesellschaft – und mit viel Kauflust bei der Sache.

Im Vergleich habe ich viel Energie verbraucht und dabei mehr als doppelt soviel CO2 emittiert wie der deutsche Durchschnittsbürger.

Um die nötigen Werte für meine persönliche Ökobilanz zu ermitteln, musste ich akribisch Auskunft über mein bisheriges Konsumverhalten und meine aktuellen Lebensumstände geben. Zudem inventarisierte ich meinen materiellen Besitz vollständig (also jedes einzelne Ding in unserem Haushalt).

Dazu gab es etliche Fragen zu beantworten:

  • Welche Autos und Motorräder hatte ich in meinem bisherigen Leben gefahren? Wie viele Kilometer? Wie oft war ich geflogen, und wohin?
  • Welche Kleidung hatte ich getragen? Aus welchen Materialien, wie lange und wie schnell was nachgekauft?
  • Was hatte ich in all den Jahren gegessen und getrunken? Bio oder konventionell? Kaffee, Tee, Wein? Wie hoch war der Fleischanteil, wie hoch der Anteil an Milchprodukten und Exotischem?
  • Welche Wasch- und Reinigungsmittel hatte ich benutzt, welche Shampoos und Zahncremes?
  • Welche Elektrogeräte hatte ich gekauft, wie häufig hatte ich sie benutzt und mit welcher Art von Strom?
  • Wie groß waren meine Wohnungen gewesen, wie gut gedämmt und wie stark beheizt?
  • Wohin war ich in Urlaub gereist? Wie (Auto, Flugzeug, Schiff)? Wie lange?

Und so weiter, und so fort. Es war für mich, der ich schon mit dem Führen meines Fahrtenbuchs so meine liebe Müh‘ und Not habe, ein Alptraum …

Eine Dokumentationstabelle sah anschließend z.B. so aus:

Die Ergebnisse

Meine Angaben wurden detailliert aufgeschlüsselt nach den einzelnen Umwelteinflüssen (Wirkungskategorien). Nachfolgend ein paar wesentliche Auszüge aus meiner bisherigen Lebens-Ökobilanz bis 2017:

Auch wenn das Gesamtergebnis meinen Erwartungen durchaus entsprach, so haben mich doch einige Teilergebnisse durchaus überrascht. Das betrifft insbesondere die Bedeutung meiner Ernährung im Verhältnis zur Mobilität. Und zwar in zweierlei Punkten:

  1. Bei der Versauerung (Stichwort „saurer Regen“) war ich davon ausgegangen, dass die Mobilität einen viel größeren Einfluss haben würde als die Ernährung. Diese aber hatte ich hier offenbar unterschätzt – die Einflüsse sind ähnlich stark.
  2. Bei der Überdüngung hingegen war es genau andersherum: Hier hatte ich die Ernährung für erheblich wichtiger gehalten als die Mobilität – wieder aber sind beide etwa gleichauf.

Detail-Beispiel: Überdüngungs-Potenzial der Nahrung

Wie detailliert eine Auf­schlüsse­lung vom Team der TU Berlin erstellt wurde, lässt sich grob an der fol­genden Grafik erkennen. Sie zeigt exem­plarisch die Wirkung einzelner Lebens­mittel auf die Über­düngung. Dabei erkennt man, dass Nahrungs­mittel aus Tier­haltung in der Regel viel stärkere Über­düngungs­effekte auslösen als pflanz­liche Lebens­mittel.

Fazit: umweltfreundlicher leben genügt nicht

Solcherlei grafische Auswertungen wurden zu Dutzenden erstellt. Sie alle belegen eines: Meine bisherige Ökobilanz war und ist ein ökologisches Debakel. Es gibt also viel zu tun – so viel, dass eine naturfreundliche Lebensweise allein niemals ausreichen wird, eine grüne Null zu erreichen. Daher ging ich nicht nur daran, meine laufende Ökobilanz zu verbessern, sondern startete zusätzlich mehrere Ausgleichsprojekte, um meine bisherigen Wirkungen wiedergutzumachen.

Bildnachweis:

Intro-Bild: sippel / Bigstock.com

Grafiken: © Dirk Gratzel