90%-Lösungen liegen mir nicht. Wenn ich mich für etwas entscheide, dann mache ich es konsequent.

Polsum I

Steckbrief

Historisch:

Typ: ehemaliges Bergwerk (Versorgungsstandort)

Inbetriebnahme: 1943

Stilllegung: 2008

Tiefe des Schachts: 874m

Lage: Polsum bei Marl

Projekt Greenzero:

Übernahmejahr: 2019

Flächenanteil: ca. 105.000 qm

Stand: Rückbau der Aufbauten und Versiegelungen & Flächenplanung, Aufbau der ersten Streuobstwiese

Weitere Besonderheit: In der Nähe nisten Uhus, die weltweit größte Eulenart, von denen es in Deutschland nur etwa 500-600 Brutpaare gibt.

Polsum I ist ein still gelegtes Bergwerksgelände in der Nähe von Marl. Es umfasst rund 10 Hektar, die ich von der RAG gekauft habe. Die Fläche ist derzeit noch (August 2020) zur Hälfte überbaut und versiegelt und im übrigen mit einem frühen „Industriewald“ bewaldet. Ein kleiner Teil im Nordwesten ist landwirtschaftliche Grünfläche.

Das Gelände ist ökologisch unter anderem aus zwei Aspekten interessant:

  1. Die Arten- und Biotoptypenvielfalt ist ausgesprochen begrenzt, da die Natur sich die Flächen nur langsam „zurückerobert“ und die Aufbauten und Versiegelungen Biotopentwicklungen naturgemäß ausschließen oder behindern. Eine gezielte ökologische Aufwertung ist also gut möglich, wobei die Waldareale wegen der ungewöhnlichen Standortbedingungen einige Besonderheiten zeigen, die die Biologen begeistern. Hier entsteht ein neuer, post-fossiler Biotoptyp, der uns ein Bild gibt, wie sich Flächen nach einer industriellen Nutzung entwickeln.
  2. Der Aushub aus dem Abteufen des Schachts wurde zerkleinert und auf dem Gelände verteilt, das sich dadurch um mehrere Meter anhob. Diese obere Bodenschicht besteht aus nährstoffarmem Gestein (ohne Humus) und kann solchen Pflanzen und Tieren eine Heimat bieten, die in den sonst meist überdüngten Flächen Deutschlands keinen Lebensraum mehr finden. Gleichzeitig bedeutet dies, dass diese Fläche mit dem Bodenaufbau perspektivisch viel Kohlenstoff binden wird, also eine „Co2-Senke“ wird.

Polsum I eignet sich somit gut für die Entwicklung einer nährstoffarmen Offenlandschaft und die Ansiedlung solcher Arten, die auf den kargen Böden selten gewordenen Lebensraum finden. Die Waldränder und Übergänge sollten vielfältige Lebensformen beheimaten können.

Projekt-Planung

Rückbau-Bereich allgemein

Bebauungen und versiegelte Flächen wie der Parkplatz im Westen werden durch die RAG rückgebaut und bis in eine Tiefe von 0,5m unter Geländeniveau ausgehoben.

Bereits dieser Rückbau geschieht nicht nach klassischem Schema, sondern erfolgt so ökologisch wie möglich und in enger Absprache zwischen RAG und mir. Angedacht ist, Keller und Fundamente in Teilen zu belassen, um den Rückbauaufwand zu reduzieren (der ja auch Ressourcen verbraucht) und eine Übererdung mit nährstoffreichen Substraten zu verlangsamen. Bereits mit Regenwasser vollgelaufene Gebäudefundamente wollen wir möglichst nicht vollständig verfüllen, sondern nur teilweise abbrechen und zu Feuchtbiotopen weiterentwickeln. Dass dies vielversprechend sein kann, zeigen Beobachtungen in zwei ehemaligen Transformatorenhäuschen: Hier hat sich Wasser gesammelt, und mehrere Amphibienarten haben sich tatsächlich zwischen Gebäuderesten und Müll angesiedelt.  

Die genauen Versickerungseigenschaften und Möglichkeiten von Teilflächen lassen sich aber erst während des Rückbaus genau einschätzen. Daher ist auch die Biotop-Planung noch in vollem Gange.

Bunker

Ein Bunker hat zu Betriebszeiten als Lager für Sprengstoffe gedient. Er muss aus Sicherheitsgründen abgerissen, zumindest aber zugemauert und am Eingang auch zugeschüttet werden. Seinen Rückbau wollen wir so vornehmen, dass er ein ökologisches Refugium wird und Kleintiere, Amphibien und Insekten noch Zugangsmöglichkeiten finden, um die künstliche Höhle zu nutzen.

Wiese

Die Wiese im Nordwesten ist eine Monokultur aus landwirtschaftlicher Intensivnutzung. Die Fläche wird alsbald umgearbeitet (gemäht, geeggt und gegrubbert) und ausgehagert (Nährstoff wird entfernt). Anschließend werden unterschiedliche Arten, die nährstoffarme Böden bevorzugen, von umliegenden, naturnahen Wiesenflächen ausgesäht. Auf diese Weise werden wir die Vielfalt auf etwa 30 bis 50 Arten steigern.

Voraussichtlich im November werden zudem rund 50 Obstbäume als Streuobstwiese gepflanzt – historische Sorten von Äpfeln, Pflaumen, Quitten und Renekloden regionaler Herkunft.

Langfristiges Vorgehen

Da dieses Vorhaben langfristig angelegt ist und kaum spezifische Erfahrungswerte für solche eigenwilligen Brachflächen vorhanden sind, plane ich mit meinem Biologenteam „organisch“. Das heißt, wir werden beobachten, wie die Natur auf Maßnahmen reagiert und sich entfaltet. So machen wir die Natur zum entscheidenden Architekten. Nur entlang der natürlichen Entwicklungstendenzen lässt sich ökologisch und nachhaltig vorgehen – gerade in Zeiten des Klimawandels, der Unvorhersehbarkeiten mit sich bringt.

Aus demselben Grund lassen wir die Waldanteile zunächst möglichst unberührt. Abhängig davon, wie sich diese ganz eigenen, durch die industrielle Nutzung geprägten Frühwaldformen über die Jahre hinweg entwickeln, werden wir ggf. dazu passende Aufwertungsmaßnahmen umsetzen.

Wegeplanung für Besucher & Denkmalerrichtung

Das Projekt soll auch als Naherholungsraum für Besucher aus dem Umland dienen. Für sie wird eine Wegeführung angelegt, die sich gut in den zukünftigen Naturraum einbettet.

Zwei möglichst vorsichtig sanierte Loren sollen als Denkmal fungieren und sowohl der Vergangenheit als Bergwerk als auch der Lebensleistung der Kumpel Respekt zollen. Meine Familie hat eine tiefe Verwurzelung im Bergbau, und ich weiß: meine Großväter, Onkel und meinen Vater wird es freuen ;-).

Windkraftrad-Aufstellung

Im Süden des Areals wird ein Windkraftrad errichtet. Es ist nicht Teil des Projektes, sondern wird durch einen Windenergiebetreiber auf einer bereits verpachteten Fläche realisiert.

Diese Seite wird in gewissen Abständen aktualisiert, um Sie über den laufenden Stand zu informieren.

Bildnachweis:

Intro-Bild: © RAG Montan Immobilien GmbH / Fotograf: Stephan Conrad